hasenfest und tanzverbot

In der letzten Woche gab es einigen publizistischen Wirbel um das gesetzliche Tanzverbot an den sogenannten „stillen Feiertagen“ wie zum Beispiel Karfreitag. Außerdem konnte die Buchhandelskette Thalia einige Publicity verbuchen, die unter dem Titel „Hasenfest“ für Ostergeschenke geworben hatte und dazu deutlichen Widerspruch von Christen bekam. Nach der Beschwerde einer Münsteraner Pfarrerin zogen andere Kirchen und Gemeinden nach – und Thalia seine Werbung schließlich zurück. Aber auch der Widerspruch erfuhr Widerspruch und die Sache zog mediale Kreise. Das Gute an der Sache ist, dass die Bedeutung von Ostern dadurch ein wenig in die öffentliche Diskussion gerückt wurde. Nicht so eindeutig und nachdenkenswert bleibt jedoch, ob sich christlich geprägte Traditionen in unserer postchristlichen und zum Teil ziemlich neuheidnischen Gesellschaft noch per Gesetz durchsetzen lassen – und ob und wie weit wir als Christen darauf überhaupt insistieren sollten.

Einige Blogger haben sich dazu ganz unterschiedliche Gedanken gemacht – dazu hier ein paar Verweise zum Weiterlesen (interessant sind zum Teil auch die Diskussionen im Anschluss an die Artikel!):

Über meine eigene Meinung zu diesen Themen – bin ich mir noch nicht ganz sicher. Einerseits bleibt natürlich ein trauriges bis ungutes Gefühl, wenn Feste und Feiertage, die bisher zumindest an christliche Inhalte erinnert haben, unter massivem Konsum-, Freizeit- und Ideologiedruck immer mehr eingeebnet werden. Auf der anderen Seite gab es natürlich nie eine wirklich „christliche“ Gesellschaft und wäre diese angesichts des Neuen Testaments auch eher ziemlich problematisch. Glaubenspraxis lässt sich nicht per Gesetz verordnen oder durchsetzen. Vielleicht wäre es deshalb ehrlicher, die Gesetze den faktischen gesellschaftlichen und geistlichen Gegebenheiten in unserem Land anzupassen? Aber dann selbstverständlich mit Karfreitag und Ostermontag als normalen Arbeitstagen!  🙂

karfreitag

Per crucem et passionem tuam
Libera nos Domine.
Per sanctam resurrectionem tuam
Libera nos Domine.

By your cross and your passion,
by your holy resurrection,
set us free, O Lord.

Durch dein Kreuz und deine Passion,
durch deine heilige Auferstehung,
befreie uns, Herr.

palmsonntag

„Christus, wir beten dich an.
Du bist sanftmütig und gerecht.
Du gibst dich für uns hin.

Komm mit deiner Liebe und erbarme dich.
Heile alle Wunden.
Deiner Liebe vertrauen wir die Menschen in Japan an.
Belohne du ihre Liebe.
Gib ihnen die Kraft weiter zu leben,
Heile ihre Trauer, ihre Verzweiflung, ihre Ratlosigkeit,
ihre Wunden an Leib und Seele.
Christus, komm mit deiner Liebe. […]

Christus, von deiner Liebe leben wir.
Deine Gemeinde hofft auf dich.
Verteidige sie gegen ihre Feinde.
Stifte Eintracht in ihrer Mitte.
Segne uns in dieser heiligen Woche.
Erfülle unser Beten mit Liebe zu dir.
Vor dir breiten wir unsere Bitten aus und rufen:
Hosanna, erbarme dich.
Amen.“

Aus dem Liturgievorschlag der VELKD zum Palmsonntag.

die facetten des dalai lama

Der buddhistische Mönch Tendzin Gyatsho, besser bekannt als „seine Heiligkeit“ der derzeitige Dalai Lama, ist zurzeit in Schweden unterwegs und hält Vorträge zum moralischen Leben. In einem Artikel bei Dagens Nyheter fragt sich Erik Helmerson warum selten wahrgenommen wird, dass Gyatsho ganz verschiedene Gesichter hat – ein scheinbar friedliches, das ihm unter anderem den Friedensnobelpreis eingebracht hat, und ein ganz anderes für sein eigenes Volk. Und warum man beispielsweise Gyatsho eine absolut rigide Sexualethik einfach durchgehen lässt, die etwa beim Papst deutliche Proteststürme auslöst. Der Pressedienst euro|topics übersetzt Passagen aus dem Artikel so:

„Der Dalai Lama hat sein Leben im Zölibat verbracht, erteilt aber dennoch freimütig Ratschläge in Sachen Ehe und Sex. Zwei Beispiele: Homosexualität sei ein unpassendes sexuelles Verhalten. Die Geschlechtsorgane seien [allein] dazu da, dass ein Mann und eine Frau sich fortpflanzen. … Der 14. Dalai Lama, Tenzin Gyatso, steht an vorderster Front im Kampf für Tibets Autonomie von China, das das Land grausam und zynisch behandelt. Zum Teil liegt es natürlich an diesem Kampf, dass wir im Westen gern darüber hinwegsehen, dass er ein strenger und orthodoxer Führer ist – dem außerdem vorgeworfen wird, er spreche zwei verschiedene Sprachen, eine für westliche Ohren und eine ganz andere, entschieden härtere und reingläubigere daheim. … Was macht er so richtig? Und was machen unsere religiösen Führer so falsch? Sie sprechen verschiedene Sprachen – aber sie sagen ungefähr das Gleiche.“

brockensammlung (55)

Kleinere Brocken, aus dem Netz gefischt:

  • Die „Livetickerisierung unseres Lebens“ gefährdet unsere Bereitschaft und Fähigkeit, komplexe Sachverhalte überhaupt noch richtig zu durchdenken meint Jörg Dechert.
  • Zunehmde „Tendenzen zur Beliebigkeit“ in den evangelischen Kirchen und Scheu vor unbequemen biblischen Inhalten bei den Versuchen, Menschen mit niedrigschwelligen Angeboten für die christliche Botschaft zu gewinnen konstatierte Ulrich Parzany bei einem Vortrag vor der bayrischen Landessynode.
  • Ein klares Ziel für die nächsten Jahre beschrieb der bayrische Noch-Landesbischof Johannes Friedrich in einem Interview: „Die größte Aufgabe ist die Missionsarbeit im eigenen Land.“
  • Deutliche ethische Verschiebungen enthalten die neuen Grundsätze zur ärztlichen Sterbebegleitung der Bundesärztekammer: man stellt sich selbst die Beihilfe zum Suizid frei.
  • Mal wieder so eine amerikanische Liste. Aber durchaus inspirierend finde ich – diese „50 Dinge, die du heute aufgeben solltest„.
  • Zu viel Text, unkonkret, keine klare Aussage, fehlende Spannung – so könnte man das Defizit vieler Vorträge und Präsentationen beschreiben. Michael Gerharz beschreibt humorvoll was passiert, wenn Indiana Jones zu einer gängigen Präsentation umgearbeitet wird.

kirche der zukunft

Zum heutigen 85.Geburtstag von Jürgen Moltmann veröffentlichte der epd ein interessantes Interview mit dem „Theologen der Hoffnung“. Neben anderen aktuellen Themen finden sich darin einige spannende diagnostische, aber auch wegweisende Sätze zur Zukunft der Kirche:

„Die Gemeinde ist die Kritik der Kirche und ihre Zukunft. Wir müssen daher Gemeinde aufbauen. Gemeinde wird von Gemeindegliedern aufgebaut, nicht von Pfarrern. Wir alle sind Laien, jeder Bischof ist ein Laie. Und ein Laie ist ein Mitglied des Volkes Gottes. Ich bin dafür, eine Reform der Kirche von unten zu machen. Betreuungskirche funktioniert immer weniger. Wenn wir in Zukunft in eine multireligiöse Gesellschaft kommen, müssen wir uns von der Staats- und Volkskirche verabschieden. Dann muss die evangelische Kirche freikirchliche Züge annehmen.“

auf einer seite

Was hier aussieht wie ein graues Blatt ist – die King James Bibel. Gedruckt auf einer Seite. Und nicht nur sie, sondern auch Goethes Faust, Shakespeares Macbeth, den kompletten Georg Büchner und einiges mehr bieten die kreativen Kunstdrucke von All-the-worlds-a-page. Vielleicht ein bibliophiler Wandschmuck für diejenigen, die sonst schon alle Bücher haben?

gebet aus tokio

Aus dem Gebetsgottesdienst der Evangelischen Gemeinde Deutscher Sprache Tokyo-Yokohama am Abend des 16.März:

Lasst uns beten für alle Menschen,
die von diesen schrecklichen Ereignissen getroffen sind:
Wir sprechen gemeinsam: Herr, tröste du sie
Wir bitten für alle, die ihre Angehörigen verloren haben.
Herr, tröste du sie
Für alle, die ihre Angehörigen suchen
Herr, tröste du sie
Für alle, die Kälte und Unbequemlichkeit ertragen müssen
Herr, tröste du sie
Für alle, die vor dem Nichts stehen
Herr, tröste du sie
Für alle, die die Körper der Verstorbenen bergen müssen
Herr, tröste du sie
Für alle, die nicht wissen, wie es weitergeht
Herr, tröste du sie
Für alle, die seit Tagen nicht gut geschlafen haben
Herr, tröste du sie
Für alle, die seit Freitag im Einsatz sind, um zu helfen
Herr, tröste du sie
Für alle, die in gefährlicher Nähe des Kraftwerks Fukushima sind
Herr, tröste du sie
Für alle, die nicht aus ihren Häusern dürfen
Herr, tröste du sie
Für alle, die seit Tagen Informationen sammeln,
filtern und herausgeben müssen
Herr, tröste du sie
Für alle, die beim besten Bemühen Fehler machen
Herr, tröste du sie
Für alle, die sich seit Tagen verzweifelt bemühen,
die Gefahren des Reaktors von uns allen abzuwenden
Herr, tröste du sie
Für alle, die ihr Leben dabei aufs Spiel setzen,
Herr, tröste du sie
Wir danken dir für die Menschen, die das auch für uns tun.
Gott, wir sind nicht würdig, aber wir flehen um deine Gnade.
Amen.

„betet bitte weiter“

„Betet bitte weiter für die Menschen hier“ sagt Elisabeth Hübler-Umemoto, Pfarrerin der Evangelische Kirche in Deutschland in Tokio. Folgende Anregungen stammen aus „Gebeten und Psalmworten“, die von der EKD herausgegeben wurden:

„Gott ist unsre Zuversicht und Stärke,
eine Hilfe in den großen Nöten,
die uns getroffen haben.
Darum fürchten wir uns nicht,
wenngleich die Welt unterginge
und die Berge mitten ins Meer sänken,
wenngleich das Meer wütete und wallte
und von seinem Ungestüm die Berge einfielen.
Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin!“
(aus Psalm 46)

„Herr Jesus,
der Sturm ist Leben und Leben ist der Sturm
und es gibt kein Entkommen;
aber was zählt ist, dass du im Sturm bei uns bist,
du bist uns ein Leuchtturm
und schenkst uns deine sichere Gegenwart.“
(aus Madagaskar)

Hier und hier finden sich weitere Informationen und Anregungen.

ihr leben für die anderen

Katastrophen sind immer auch Zeiten der stillen und oft namenlosen Helden. Weil ich oft mit Einsatzkräften zu tun habe, die politische Entscheidungen anderer ausbaden oder in kritischen Situation aufräumen müssen, was andere eingebrockt haben, gehen meine Gedanken in diesen Tagen oft zu den ‚letzten Arbeitern‘, die in den Kraftwerken von Fukushima und anderswo unter Einsatz der eigenen Gesundheit und des eigenen Lebens noch verzweifelt versuchen zu retten oder wenigstens zu bremsen, was in der sehr kritischen Lage kaum noch aufzuhalten ist. Keith Bradsher und Hiroko Tabuchi beschrieben gestern in der New York Times sehr eindrücklich die „letzte Verteidigungslinie“ in den havarierten Reaktoren:

„They crawl through labyrinths of equipment in utter darkness pierced only by their flashlights, listening for periodic explosions as hydrogen gas escaping from crippled reactors ignites on contact with air. They breathe through uncomfortable respirators or carry heavy oxygen tanks on their backs. They wear white, full-body jumpsuits with snug-fitting hoods that provide scant protection from the invisible radiation sleeting through their bodies.“

Der tapfere Einsatz dieser Arbeiter und Einsatzkräfte ist vielleicht von außen kaum nachzuvollziehen. Sie geben sich hin für andere. Sie arbeiten aus einem Gefühl hoher Verantwortung für die vielen anderen Menschen, deren Leben ihnen anvertraut ist, und aus einem Geist unbedingter Zusammengehörigkeit:

„Nuclear reactor operators say that their profession is typified by the same kind of esprit de corps found among firefighters and elite military units. The consensus is always that they would warn their families to flee before staying at their posts to the end.“

Michael Friedlander, der 13 Jahre als senior operator in drei amerikanischen Kernkraftwerken arbeitete, beschreibt eindrücklich die Stimmung und der Zusammenhalt eines solchen Rettungsteams: „You’re certainly worried about the health and safety of your family, but you have an obligation to stay at the facility. There is a sense of loyalty and camaraderie when you’ve trained with guys, you’ve done shifts with them for years.“ Er ist sicher, dass sich auch in amerikanischen Kraftwerken 50 Freiwillige gefunden hätten, die nach einer Evakuierung im gefährlichen Einsatzraum geblieben wären. Bei der Katastrophe von Fukushima werde diese Hingabe außerdem noch durch das spezielle japanische Ethos verstärkt: „Japanese are raised to believe that individuals sacrifice for the good of the group“.

Einige der Einsatzkräfte, die die Brände bekämpfen und die Reaktoren zu kühlen versuchen, gehören wohl nicht zum Reaktorpersonal, sondern auch zum japanischen Katastrophenschutz, sind Polizeioffiziere oder Feuerwehrleute. Vielleicht werden wir ihre Namen nie erfahren – aber Gott kennt sie, die ihr Leben für die anderen geben. Und mindestens unsere Gebete sollten auch mit ihnen und ihren Familien sein.

* Hier hat der SPIEGEL den Artikel der NYT übernommen und ergänzt.