der pastor von ‚the pit‘

Am eindrücklichsten sind immer die persönlichen Geschichten. Die Geschichte des New Yorker Pastors Lyndon Harris, die Dr. Hartmut Hanauske-Abel aus dem Tagen des 11.September 2001 dokumentiert hat, ist mehr als eindrücklich. Sie ist zutiefst bewegend. Sie erzählt von den vielen unbekannten Helden, die nach dem Anschlag gerettet, geborgen und aufgeräumt haben. Sie erzählt von St.Pauls Chapel, einer Kirche, die für unzählige die letzte Zufluchtsstätte und eine „Oase in der Hölle“ wurde. Und sie erzählt von einem Pastor, der nahe bei den Menschen war und im Namen Jesu half, als Hilfe nötig war:

Lyndon Harris begann, „vor St. Paul Speis und Trank zu bereiten. Kostenlos für jeden in Ground Zero, rund um die Uhr. Gesundheitsinspektoren intervenieren. Polizisten drängen sie fort. Die Stahlarbeiter schweißen riesige Grills, Lyndon platziert sie unter Montgomerys Denkmal. Als es endlich Strom gibt, wird in der Sakristei gekocht. Aus New Yorks Hotelküchen und Toprestaurants kommen 3000 Essen am Tag. Mitglieder der Gemeinde organisieren mehrere Tausend Freiwillige, die zu St. Paul strömen: Christen, Juden, Muslime, Buddhisten, Atheisten, Sikhs, Hindus – e pluribus unum. Kisten voller Spenden: Verbandsmaterial, Socken, Seife, Schokolade, Unterwäsche, Kissen, Decken. Lasterweise schwere Arbeitsschuhe, Ersatz für jene, deren Sohlen verbrannt sind auf dem heißen Stahl. Futter für die Spürhunde, die Überschuhe an den Pfoten tragen, die nach Überlebenden suchen, keine finden und nur zu beruhigen sind, indem sich versteckte Arbeiter aus den Ruinen retten lassen. Schlafende in Notbetten und Bänken, Massagen für jeden, dessen Rücken schmerzt nach stundenlanger Knochensuche in der Asche. Sie finden 21.800 Menschenteile von 2752 Getöteten, nur 1630 identifizierbar.“

Es wäre schön, wenn die Geschichte damit enden würde. Doch sie endet damit, dass Pastor Harris für seinen Einsatz bitter bezahlen muss: er hat nicht nur unter gesundheitlichen Folgen zu leiden, sondern wird auch noch von seiner Kirche geschasst und zur Unperson gemacht. Weil es wohl nicht geht, dass man „all diese komischen Typen“ (gemeint waren die verdreckten Retter von Ground Zero) in einer saubere, liturgisch korrekte Kirche lässt. Und weil der leitende Pfarrer und Rektor der Muttergemeinde sowie der Bischof den Ruhm für sich selbst haben wollten. Es ist deshalb auch die Geschichte eines tiefen Scheiterns von Kirche und ein beschämendes Armutszeugnis für die anglikanische Kirchenleitung. Mir tat es weh, sie zu lesen. Und ich kann verstehen warum der Kinderarzt nun sagt: „Wenn ich heute den sonntäglichen Gottesdienst in St. Paul besuche, kann ich meine Hände nicht mehr falten.“ Und daran ist nicht der Anschlag schuld – sondern die Kirche.

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Hier der gesamte Artikel in der ZEIT: „Das Martyrium des Lyndon Harris

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