die strategischen gewinner der umstürze

„Iran ist einstweilen der strategische Gewinner der arabischen Umstürze“ stellt Richard Herzinger in einem interessanten Beitrag zu den Hintergründen der derzeitigen ‚arabischen Revolutionen‘ fest. Während sich die Kräfteverhältnisse im Nahen Osten und in Nordafrika zurzeit fast täglich verschieben und die westlichen Länder ihre Haltung am politischen Wind und mit ängstlichem Seitenblick auf Ölressourcen neu orientieren, vollziehen sich hinter manchen idealisierten Revolutionsberichten Veränderungen, die handfeste Folgen haben werden – für die arabischen Länder, für Israel und für den Rest der Welt. Denn auch die ‚Demokratiebewegungen‘, von den gerade überall die Rede ist, meinen ja meistens keine Demokratie im Sinne westlicher Werte. Zudem werden sie oft rasch von religiösen Kräften instrumentalisiert und dominiert:

„Denn nicht nur die Muslimbrüder, sondern auch die säkularen Parteien Ägyptens sind fast durchgängig äußerst kritisch gegen den Westen oder sogar radikal antiwestlich eingestellt – von ihrer mehr oder weniger feindseligen Haltung gegenüber Israel ganz zu schweigen. […] Die Tatsache, dass im Nahen Osten jetzt Regimes stürzen, die dem Westen mehr oder weniger freundlich gesonnen sind, die militant antiwestlichen – allen voran der Iran – jedoch weiterhin fest im Sattel sitzen, ist der Ausdruck eines rasant wachsenden Bedeutungs- und Kontrollverlusts der USA und ihrer Verbündeten im Nahen Osten, der sich bereits über längere Zeit abgezeichnet hat.

Wohin die Entwicklung in Ägypten, jenseits des im Westen grassierenden romantischen Enthusiasmus über die libertäre „Twitter- und Facebook-Generation“, tatsächlich geht und wer sie in Wahrheit längst bestimmt, zeigt auch die Tatsache, dass am vergangenen Freitag auf dem Al-Tahrir-Platz der unter dem Mubarak-Regime verbotene fundamentalistische Prediger Yusuf al-Qaradawi die Freitagspredigt hielt. Er forderte darin die Aufhebung der ägyptischen Blockade des Gazastreifens und gab der Vision Ausdruck, bald in Jerusalem predigen zu können.“

„In nüchternen Kategorien sicherheitspolitischer Kräfteverhältnisse“, so das Fazit Herzingers, „bedeutet der Sturz Mubaraks eine empfindliche strategische Schwächung des Westens – und eine dramatische Verschlechterung der Sicherheitslage Israels.“

Es bleibt spannend im Nahen Osten. „Irgendwann werden wir uns mal an diese Zeit erinnern“ schreibt Lila aus Israel, „Den Kindern habe ich schon gesagt: merkt euch diese Tage, das könnt ihr mal euren Enkeln erzählen. Der Nahe Osten verändert sich.“ Wohin die Reise geht, ist allerdings noch offen. Und vielleicht sind manche Entwicklungen, die wir jetzt vordergründig (mit)feiern, mittelfristig auch nicht ohne Sorge zu beobachten.

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