inkarnatorische homiletik

Manchmal gibt es diese Worte, die unmittelbar in unsere eigene Situation sprechen. Vielleicht lag es daran, dass ich letzten Sonntag eine Predigt und heute einen Alphavortrag hatte, dass mich Absätze aus einem Aufsatz von Michael Herbst sehr angeregt, aber auch ermutigt haben. An dieser speziellen Stelle denkt er darüber nach, wie wir christlichen Glauben im Kontext des postmodernen Wahrheitsrelativismus bezeugen können und entwickelt interessante Grundzüge einer „inkarnatorischen Homiletik“:

„Wir bezeugen nun das Evangelium von Jesus Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen. Wir möchten Menschen helfen, mit ihrem Leben in seine Nähe zu geraten. Er hat die Kraft, Unverzeihliches zu vergeben. Er gibt Mut, unserem Leben neue, gute Richtungen zu geben. Er hilft uns, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. […] Der Geist Gottes ist es, der im anderen die Einsicht weckt und die Bereitschaft weckt, sich auf diese Perspektive einzulassen. Das Evangelium hat eine eigene Durchsetzungskraft im Herzen der Menschen, eine sanfte Überzeugungskraft und eine stille Macht, mit der es die Bitte des Auferstandenen um Vertrauen an den Kopf und das Herz des nicht glaubenden Menschen heranträgt.

Wir brauchen kein Wahrheitsmonopol: der eine, der die Wahrheit ist, wird von uns bezeugt und begegnet dem anderen, der nach Hilfe und Heilung sucht. Dazu ist nicht die kulturelle Dominanz des Christentums nötig und dazu ist nicht der fraglose, allgemein anerkannte Anspruch auf Absolutheit zu fordern. Wir bezeugen Jesus und die Wahrheit selbst macht Menschen frei (Joh.8,32), sich festzulegen auf den Weg des Glaubens. Der ist dann auch authentisch, nicht mehr nur Tradition, sondern Entscheidung. In unserer postmodernen Schwachheit wird die Kraft des Evangeliums auf neue Weise mächtig. Diesen Weg hat Gott selbst erwählt, als er Mensch wurde. Das Kind in der Krippe und der Mann am Kreuz sind Gottes wehrlose Selbstoffenbarungen. Es geht das Risiko ein, ohne Autorität zu sein und damit verwechselbar. Er verzichtet auf die machtvolle Demonstration göttlicher Macht. Nur durch bedingungslose Liebe gewinnt er Menschen. Daran muss die Predigt Anschluss suchen.“

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4 Gedanken zu “inkarnatorische homiletik

  1. Ich muss widersprechen: Das irdische Leben Jesu war vom Anfang bis Ende eine einzige, fortlaufende machtvolle Demonstration göttlicher Macht.

  2. Bei allem Respekt für Michael Herbst – um die Diskussion ein wenig anzuregen, melde ich mich erneut zu Wort.
    Mal abgesehen von der Frage, inwiefern der „postmoderne Mensch“ sich grundsätzlich von allen anderen Menschen unterscheidet und deshalb eine eigens abgestimmte Homiletik braucht, verlangt die Aussage, Gott sein ein Risiko eingegangen, der Qualifizierung. Bei unvoreingenommenen Lesern könnte der Eindruck entstehen, in der Welt- oder gar Heilsgeschichte gäbe es rohe, von Gott uninterpretierte Fakten und Geschehnisse mit ungewissem Ausgang. Dass ein solcher Gedanke im christlich-theistischen Geschichtsbild nichts zu suchen hat, wird gerade am irdischen Leben Jesu deutlich. Gewiss, Gott kam ins Fleisch, noch dazu in seiner geschwächten Form; doch aufgrund der Tatsache, dass in ihm keine Sünde war, wohnte der Geist in seiner ganzen Fülle in ihm. Sein ganzen irdisches Leben war von Angelophanien und Wundern begleitet, und gerade in Momenten, wenn sein Feind zum Nahkampf überging, zeigte sich die göttliche Bewahrung und Macht, z.B. bei der Flucht nach Ägypten, oder später, als er mitten durch seine Feinde hinwegging.
    Und schließlich, vor dem vermeintlich großen, aber wie wir alle wissen, ultimativ selbst-frustrierenden letzten Sieg Satans am Kreuz, konnte Jesus sagen: Niemand nimmt mein Leben, sondern ich gebe es.
    Die gesamte Welt- und Heilsgeschichte war von Anfang an genau so geplant, daran brauchen wir auch zugunsten des post-modernen Menschen nichts zu ändern.

  3. @christian: Herbst will da ja nichts ‚ändern‘, sein Schwerpunkt ist ein ganz anderer. Es geht ihm darum, nicht auf kirchliche Machstrukturen, Ex-Volkskirchen oder Leitkulturen zu bauen, sondern nach wie vor dem heute wirksamen, bittenden, einladenden Christus zu vertrauen, dass er selber den Menschen nahe kommt. Auch im wabernden Realativismus der ‚Postmoderne‘.

    Übrigens: „wie wir alle wissen“ – wer ist da „alle“? 🙂

  4. Nun, das ist vielleicht gerade das Satanische an der Sache: dass dies eigentlich alle wissen, und dennoch so handeln, als könnten sie Gott besiegen oder eliminieren …
    Aber noch einmal zurück zu meinem Einwand: Was den (post-)modernen Menschen charakterisiert, ist m. E. sein Streben nach Freiheit: Der Mensch als letztendlicher Bezugspunkt seines eigenen Denkens – wahr ist für ihn nur, was er in ein rationales System einordnen kann (Rationalismus). Andererseits weiß er sehr wohl, dass er durch seine Vernunft das Universum nicht vollständig erklären kann, somit bleibt es für ihn unerklärbar und dem Zufall ausgeliefert (Irrationalismus). In dieser autodestruktiven Schleife von Rationalismus und Irrationalismus gefangen, verfällt er dem Skeptizismus. Im Ansatz ist diese Haltung so alt wie der Mensch, seit Adam im Paradies, nur hat sie durch die modernen Philosophen, angefangen bei Descartes, über den Meilenstein Kant und die Weiterführung durch Schopenhauer und Hegel, bis hin zur schonungslosen Konsequenz der Existenzialisten eine Ausformulierung erfahren, die keine christliche Apologetik mehr unberücksichtigt lassen darf. Die Antwort der modernen Theologie (angefangen bei dem dänischen Irrationalisten Kierkegaard bis hin zur dialektischen, neo-orthodoxen Theologie von Brunner, Barth, den Niebuhrs und ihren heutigen Epigonen) auf diese Entwicklung war ein weitgehendes Entgegenkommen: Der kantsche Ansatz wurde übernommen, der Mensch, zumindest teilweise, autonom, Gott der „ganz andere“. Somit verstrickte sie sich ebenfalls in ein Geflecht von Rationalismus und Irrationalismus. Nur: die Hoffnung, den postmodernen Menschen durch ein solches Entgegenkommen zu gewinnen, ist vergeblich, aus dem schlichten Grund, weil es ihm nicht weit genug geht. Es genügt ihm nicht, dass Gott zu 95 % das Weltgeschehen in der Hand hat, und der Mensch zu 5%, es würde ihm nicht einmal genügen, dass Gott 5% in der Hand hält, und der Mensch 95 %. Jede Form von Determinismus ist ihm zuwider.
    Daher meine Reaktion auf die Aussage, Gott sei „ein Risiko eingegangen“.
    Wir machen einen doppelten Fehler, wenn wir Zugeständnisse an das Denken des postmodernen Menschen machen: Zum einem haben wir dann seinem Skeptizismus keine Alternative mehr entgegen zu setzen, zum anderen werden wir ihn nicht überzeugen, weil wir ihm nicht weit genug gehen (können).
    Daher: Die einzige Alternative und Herausforderung für das postmoderne Denken besteht darin, den dreieinen Schöpfergott und souveränen Erhalter und Lenker des Universums zu verkünden, der alle Dinge weiß, weil er sie beschlossen hat. Das ist auch die einzige Antwort auf den modernen Skeptizismus: Der Mensch ist nicht autonom, er ist Gottes Geschöpf, und sein Denken muss deshalb analog zu Gottes Denken sein. Dieser christlich-theistische Ansatz ist die einzige Weltanschauung, die sich damit zufrieden geben kann, dass ihre Erkenntnis gleichzeitig unvollständig und dennoch wahr ist, weil sie bei Gottes Offenbarung ansetzt und gleichsam Gottes Gedanken nach-denkt. Sie ist durch die Annahme Gottes, der vollständige Erkenntnis seiner selbst und daher auch aller Möglichkeit außerhalb seiner selbst besitzt, auch die einzige Weltanschauung, die einen Ausweg aus der Rationalismus-Irrationalismus-Schleife darstellt.

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