das schizophrene gesetz der medieninszenierung

Der Medienhype um Karl Theodor zu Guttenberg geht hoch in diesen Tagen und wir erleben wieder einmal den Versuch einer medialen und politischen Hinrichtung. Sachliche oder differenzierte Stimmen finden sich selten in den deutschen „Qualitätsmedien“; zu groß scheint die Versuchung und die klammheimliche Freude, nun endlich, endlich eine Abschusschance bei  jemand zu sehen, der einem ohnehin schon lange zuwider war – politisch unliebsam und vielleicht von zu viel Erfolg verwöhnt. Ähnliche Wellen schlagen zurzeit auch in Blogs und in der Twitteria hoch, wenn es auch positive Ausnahmen gibt wie den pointierten Artikel von Christian Buggisch, der mit Recht dazu mahnt, erstmal ein paar Gänge herunterzuschalten.

Eine gewisse Ausnahme in den gängigen Medien ist auch der kluge Beitrag von Goedart Palm in TP. Er blickt hinter die Kulisse der Inszenierungen und beschreibt die darin wirkenden Gesetze – sowohl der politischen Szene wie auch der Mediendemokratie. Denn so gesehen habe sich Guttenberg „in der Wissenschaft nur geleistet, was in der Politik die Eingangsvorausetzung ist“:

„Insofern hat Guttenberg nur das getan, was alle tun. Mehr oder – diesmal wohl – weniger geschickt. Der Bluff kann einen allerdings teuer zu stehen kommen, weil das schizophrene Gesetz der Medieninszenierung heißt: Du sollst jederzeit tugendsam erscheinen, auch wenn wir alle wissen, dass diese Aufgabe selbst Herkules nicht lösen könnte. Du sollst besser sein als wir, sonst wählen wir dich nicht. Dabei ist die Bereitschaft des Wählers zur Selbsttäuschung unerschöpflich.“

Meiner Beobachtung nach lässt sich die inszenierte Empörung momentan allerdings vor allem in Medien und bestimmten politischen Lagern und weniger in der Breite der Bevölkerung oder Wählerschaft feststellen. Palm verweist hier aber zurecht auf den altbekannten Mechanismus: Menschen projezieren ethische und moralische Maßstäbe auf andere, die sie kaum selber bereit sind einzuhalten. Und wer diesen projezierten (und oft wohl auch nur aus ganz anderen politischen Interessen vorgeschobenen) Maßstäben nicht gerecht wird, gerät schnell in Gefahr, abgeschossen zu werden. In gewisser Weise erleben Politiker damit das Gleiche wie Gemeindepfarrer oder Lehrer – viele öffentliche Personen sollen „besser“ sein als andere, obwohl sie doch genauso menschlich, fehlerhaft und sündenbehaftet sind. Deshalb sagt der Umgang mit zu Guttenberg derzeit mehr über die Medien und die Gesellschaft aus als über das eigentliche Problem:

„Wenn der Minister an diesem Skandal scheitert, bestätigt sich die Gesellschaft nur ihre eigene Verlogenheit, die Tugend von Politikern einzufordern, während dieselbe Gesellschaft weiß, dass Tugend nicht unser primärer Betriebsstoff ist.“

Zum Schluss noch ein Punkt, der mich in diesen Tagen auch ziemlich nachdenklich macht: das Agieren der eigenen Zunft. Was würde eigentlich passieren, wenn man die Predigten und Aufsätze von Theologen, die nun genüßlich und teilweise recht hämisch über zu Guttenberg bloggen, kommentieren oder twittern, einmal genauer recherchieren würde? Ob da noch nie etwas aus Aufsätzen, Zitatsammlungen, Predigthilfen und der zunehmenden Menge von Internetpredigten bequem abgekupfert wurde? Natürlich nur unter dem Zeitdruck des Gemeindedienstes und mit besten Absichten! Und selbstverständlich sind Predigten auch keine Dissertationen (von manchen langweilenden rhetorischen Fehlleistungen in diesem Genre einmal abgesehen). Aber in der „Ehrensache“ finde ich das durchaus vergleichbar.

Natürlich muss zu Guttenberg zu seinen Fehlern stehen und die Sache geklärt werden. Aber bitte in Ruhe und erstmal von denen, deren Aufgabe das ist, also zunächst der Universität. Und auch nicht innerhalb von Stunden oder Tagen, wie es die hektische Mediokratie einfordert, die möglichst schnell Opfer sehen will, bevor die Einschaltqoten sinken. Auf jeden Fall wäre es aber für Medien und Politiker, Christen und Theologen in diesen Tagen angemessen, vor dem verbalen Nachladen und Feuern mal kurz innezuhalten und sich eines bekannten Jesuswortes zu erinnern: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ (Johannes 8,7).

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6 Gedanken zu “das schizophrene gesetz der medieninszenierung

  1. Guter Beitrag! Bei allem Misstrauen gegen gehypte „Erfolgsmenschen“, noch dazu Adlige, im Algemeinen, und (als Norddeutscher) CSU-Politiker im Besonderen: Was im Moment geschieht, macht mir den Mann direkt wieder sympathisch.

  2. Alles sehr bedenkenswert und vor allem den Schluss bejahe ich.
    Nur bei der Ehrensache im vorletzten Abschnitt, da regt sich Widerspruch bei mir.
    „Ob da noch nie etwas aus Aufsätzen, Zitatsammlungen, Predigthilfen und der zunehmenden Menge von Internetpredigten bequem abgekupfert wurde?“ Ich sag mal provokant, ich klaue gern. Im Alltag ist das doch legitim. Aber ich reiche ein zusammengeklautes Werk nicht ein, um beim Predigtpreis oder sonstwo nominiert zu werden. Umgekehrt weiß man doch, dass Politiker ihre Redenschreiber haben, wie auch z. T. Kaberettisten/ Comedians.
    Aber eine Arbeit, in der ich schriftlich versichere, dass ich sie selbständig verfasst habe, sollte auch von mir selbständig verfasst sein. Und wenn ich zitiere, dann in Anführungsstrichen. Und was Wissenschaftlichkeit mehr ausmacht. Da gibt es wohl bei manchen Doktorarbeiten ein paar… Versäumnissse, auch bei dieser einen.
    Ganz vergessen ist das politische Interesse dessen, der es ins Licht gezogen hat. In der Richtung müsste man auch mal nachfragen.

  3. @theomix: über die „Ehrensache“ kann man natürlich unterschiedlicher Meinung sein, deshalb ist meine ja auch als solche kenntlich gemacht. Selbstverständlich unterliegen Predigten (bleiben wir bei dem Beispiel, obwohl es mit ‚Aufsätzen‘ oder ‚Artikeln‘ oben schon fließend wird) nicht den gleichen juristischen und akademischen Regeln wie eine Dissertation. Andererseits: wird das Schmücken mit fremden Federn erst dann verwerflich, wenn ich explizit und schriftlich versichern muss, dass ich es nicht getan habe? Einfach im Sinne der eigenen Aufrichtigkeit und zwar nicht juristischen, aber geistigen und geistlichen Verantwortung?

    Bei Predigten sehe ich das übrigens auch ganz entspannt – obwohl ich es da auch für aufrichtig halte zu kennzeichnen, dass dieses oder jenes geistliche Blümlein nicht auf dem eigenen Misthaufen gewachsen ist. Aber Bemerkungen wie „neulich habe ich dazu einen interessanten Gedanken gelesen“ oder „XY sagt zu der Stelle“ reichen da ja auch vollkommen aus. Ich zitiere gute Formulierungen auch gelegentlich aus Predigthilfen anonym mit „ein Theologe hat dazu gesagt“ – denn die Namen kennen die Leute sowieso nicht.

    Die letzte Anregung ist natürlich vollkommen richtig – Herr Fischer-Lescano hat sich die Arbeit ja kaum aus Hingabe und Liebe zur wissenschaftlichen Korrektheit gemacht. So etwas Abstruses würde ich einem Gründungsmitglied des linksorientierten ‚Instituts Solidarische Moderne‘ und Mitherausgeber der aus der Frankfurter Schule hervorgegangenen ‚Kritischen Justiz‘ niemals vorwerfen wollen 🙂

  4. Diesem Post kann ich leider überhaupt nicht zustimmen. Sicher hat alles mit einer Kampagne angefangen. Aber dann haben ganz schnell konkrete und objektive Fakten auf dem Tisch gelegen, und der Beschuldigte hat sich mit seinem Verhalten ganz alleine den Strick gedreht. Hier geht es nicht mehr um Gerüchte, Stimmungen und üble Nachrede. Hier hat sich einer selbst desavouiert – und das sage ich als jemand, der vorher keine schlechte Meinung über Herrn von G. hatte.
    Es geht auch nicht im entferntesten um Urheberrechtsfragen oder um „Originalität“. Für Predigten und dergleichen gilt: Gute Gedanken haben kein Copyright, zumal wenn sie „Christum treiben“! Es geht hier vielmehr um Betrug, um eine Qualifikationsschrift, bei der dreist getäuscht wurde. Dass dieses Falschgeld in einer Währung ausgegeben wurde, die die breite Öffentlichkeit offenbar für eine Art Spielgeld hält – nämlich wissenschaftliche Redlichkeit -, ist überaus bitter. Es ist bitter für Menschen wie mich, die ebenfalls neben einem harten Berufsalltag und den Verpflichtungen einer Familie „in mühevollster Kleinarbeit“ in vielen Jahren eine Dissertation ehrlich abgeschlossen haben. Ich kenne nach mehr als 7 Jahren jeden Satz meiner Dissertation (über 500 Seiten) auswendig. Auch bei mir gibt es womöglich Ungenauigkeiten und „Fehler“. Doch das, was man in Guttenbergs Arbeit sehen kann, erkennt jeder, der etwas Ahnung hat, als vorsätzliche Täuschung im GANZ großen Stil. Dass er behauptet, das sei ihm versehentlich passiert, ist eine Dreistigkeit sondergleichen und disqualifiziert ihn selbst als verlogenen Charakter. Es macht mir keine Freude, das zu sagen. Aber diesen Stein werfe ich! Fehler machen ist eines; Betrügen etwas anderes.

    Übrigens: Was würde wohl die Öffentlichkeit sagen, wenn herauskäme, dass sich der Mann seinen Adelstitel gekauft hat? Ob sie dafür genausoviel Verständnis hätte??

  5. Nun ja, Olaf, in den 5 Tagen, die du nach den anderen Kommentatoren postest, hat sich die Nachrichtenlage wieder erheblich verändert. Inzwischen fragt sich jeder, was Herr zu Guttenberg noch alles ablegen wird – einen Teil seiner Vornamen? Am Ende heißt er vielleicht einfach Karl Gut.

  6. @Olaf: Es ging zunächst einmal darum, jenseits des medialen, politisch motiverten Hype eine sachliche Klärung abzuwarten. Dass diese Klärung inzwischen ziemlich düstere Abgründe offenbart hat, darin muss ich dir allerdings zustimmen. Das beginnt allerdings schon mit dem offenbar ziemlich lockeren Durchwinken der Dissertation durch die Universität. Dass Professoren solche Arbeiten kaum selber detailliert prüfen, ist klar – aber wenigstens die Assistenten und Hiwis hätten ihren Korrekturjob ordentlich machen können, das hätte schon manches verhindert. Die öffentliche Erklärung der Uni dazu war mehr als lahm.

    Des weiteren hat Guttenberg, von dem ich bisher auch keine schlechte Meinung hatte, sich durch die bisherige ‚Aufarbeitung‘ in der Tat selbst disqualifiziert und Vertrauen verspielt. So kann das keinesfalls weitergehen und die offenbar bewusste Täuschung muss beim Namen genannt werden und auch Konsequenzen haben. Aber selbst das müsste man sachlicher und gelassener klären, als etwa die messerwetzende Meute im Bundestag. Denn man wird Menschen kaum dadurch zurechtbringen, dass man sie ans mediale Kreuz nagelt.

    Achja und das mit den Predigten und Aufsätzen im Alltagsbetrieb sehe ich grundsätzlich weiterhin so – wobei ich allerdings nicht so sehr „gute Gedanken“ meine oder gar Beispiele, sondern auch in diesem Fall wörtliche Übernahmen. Aber es kann dazu ja auch andere Meinungen geben 🙂

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