liederfahrungen

Manchmal sprechen die Texte alter und neuer Lieder ganz unmittelbar in unser Leben und unsere Erfahrungen. So ging es mir heute morgen, als wir im Gottesdienst unserer Gemeinde wieder einmal einige ältere Lieder sangen. Da klinkten sich bei mir diese zwei Strophen von Paul Gerhardt unvermittelt in Erfahrungen der letzten Zeit ein:

„Der unser Leben, das er uns gegeben,
in dieser Nacht so väterlich bedecket
und aus dem Schlaf uns fröhlich auferwecket:
Lobet den Herren!“

In der letzten Woche hatte ich im Dienst mit dem Tod eines 48jährigen Familienvaters zu tun, der ohne vorausgehende Krankheit ganz plötzlich im Schlaf verstarb und morgens von seiner Frau gefunden wurde. Ganz unvermittelt traf diese Familie und viele andere Beteiligte dadurch eine Tatsache, die wir gern verdrängen: unser Leben ist ständig verletzlich und wir haben dabei absolut nichts in unserer eigenen Hand. Wir stehen jeden Morgen mehr oder weniger vergnügt auf, freuen uns mehr oder weniger auf die Arbeit oder den Dienst und verbringen unsere Tage (und Nächte) ganz selbstverständlich. Aber es ist eben nicht selbstverständlich, morgens gesund aufzustehen, sondern immer wieder ein gnädiges Geschenk Gottes. Nach solchen Erfahrungen wie letzte Woche sehe ich das Leben oft bewusster und dankbarer. Und denke oder sage morgens wieder viel bewusster als sonst ein kleines „lobet den Herren“.

„Daß unsre Sinnen wir noch brauchen können
und Händ und Füße, Zung und Lippen regen,
das haben wir zu danken seinem Segen.
Lobet den Herren!“

Auch an den ständigen Gebrauch unserer Sinne haben wir uns gewöhnt und denken meistens nicht weiter darüber nach. Bis es auf einmal anders ist. Und so sprach diese Strophe wieder in meine eigene Erfahrung der letzten Monate, durch die nicht Bewegung oder Sprache, aber eben die Sehkraft unvermittelt geschädigt war und zum Teil immer noch ist. Auch daran ist nichts selbstverständlich – nicht, dass ich heute die schöne Wintersonne draußen sehen kann, und nicht, dass du diesen Text jetzt am Bildschirm lesen kannst. Das alles kann sehr leicht und sehr schnell anders sein. Deshalb hat mich die Krankheit dazu gebracht, wieder bewusster und dankbarer wahrzunehmen, was ich vorher viel selbstverständlicher nahm: ja, meine Sinne funktionieren noch. Und die Sehkraft auf dem einen Auge ist wieder stabiler als noch vor zwei Monaten. Auch das ist immer wieder Grund zum Danken: lobet den Herren!

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