individualistische schiffsbohrer

Im Blick auf viele ethische Brennpunkte unserer Zeit, das populäre Postulat einer scheinbar grenzenlosen individualistischen Freiheit und die gesamtgesellschaftliche Relevanz unseres persönlichen Verhaltens begegneten mir neulich in einer Zeitschrift einige interessante Zeilen:

„Auf dem Spiel steht nicht in erster Linie eine Einbuße an Tradition, als vielmehr eine unumkehrbare Zerstörung durch Rebellion. Wichtige Worte wie Pluralismus, Toleranz und Solidarität bleiben ohne das Bewusstsein der Verantwortung vor Gott leer und schwammig. Alles, was dem Menschen möglich ist, ausprobieren und sich durch nichts und niemanden einschränken lassen, bestimmt heute vielfach das Bewusstsein von Freiheit. Oft sagt man: ich schade doch niemand, wenn ich dieses oder jenes so auslebe, wie es mir gefällt. Aber es ist nicht wahr, dass das, was ich lebe, nur auf mich selbst beschränkt bleibt.
Im jüdischen Talmud steht eine Lehrgeschichte, die den Schaden zeigt, den eine ganz persönliche, private Tat allen zufügt: an Bord eines Schiffes befanden sich mehrere Menschen. Einer von ihnen nahm einen Bohrer und begann unter sich ein Loch zu bohren. Als die anderen das sahen, fragten sie ihn: was tust du da! Er antwortete: was geht euch das an, ist das nicht mein Sitz, unter dem ich das Loch mache?!“

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4 Gedanken zu “individualistische schiffsbohrer

  1. Amen… eine gute Illustration für falsch verstandenen Individualismus. Ohne Verantwortung vor einer wie auch immer übergeordneten Instanz endet die Sache in brutalem Egoismus. Da der Staat als ernst zu nehmende Instanz zunehmend wegfällt, Gott abstrakt oder weit entfernt, wenn überhaupt vorhanden, ist… ist die subtile Anarchie nicht weit entfernt. Selbst in bürgerlichen Milieus findet man oft diesen Satz: ist doch meine Sache, schadet niemandem, ich lasse mir nicht reinreden und außerdem machen das alle… doch was hilft gegen diese Haltung? Bußpredigten? Tja…

  2. @Christof: Eine gute, weiterführende Frage. Eine „Bußpredigt“ wäre natürlich inhaltlich angemessen, aber die spannende Frage ist: wie kann so eine Bußpredigt heute aussehen, um anzusprechen, statt (in falscher bzw. unnötiger Weise) abzustoßen? Wie kann sie für Menschen und Gesellschaften aussehen, die Gott längst vermeintlich los geworden und absolut nicht mehr mittelalterlich geprägt sind? Das braucht viel Weisheit und geistliche Kreativität, aber eine konkrete Antwort habe ich da auch noch nicht …

  3. In der Tat schwierig… Menschen, die keinen Durst haben, suchen keinen Christus, der ihnen kostenlos zu trinken gibt. Also muss man sie auf den Durst hinweisen… vielleicht geht es über die tiefsten Sehnsüchte? Diese könnten dann auf den Knackpunkt und die Ursünde hinweisen… die Trennung von der Quelle…

  4. @Christof: Das wäre ein möglicher Ansatz. Lebensdurst ist ja allgegenwärtig. Aber bevor Menschen verstehen, dass dieser Durst, den sie mit hektischen -ismen und -asmen zu löschen versuchen, eine viel tiefere Entfremdung zur Ursache hat, wird man mit ihnen kaum über neue Quellen nachdenken können.

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