aus der tiefe rufe ich

„Aus der Tiefe rufe ich, HERR, zu dir.
Herr, höre meine Stimme!
Lass deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens!
Denn bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte.
Meine Seele wartet auf den Herrn
mehr als die Wächter auf den Morgen.
Denn bei dem HERRN ist die Gnade
und viel Erlösung bei ihm.“

Während ich dies schreibe, läuft im nordchilenischen San José eine der spektakulärsten Rettungsaktionen der Bergbaugeschichte. Diese Worte aus Psalm 130 könnten ein Gebet der verschütteten Bergleute gewesen sein – dass in Chile in der Tiefe genauso wie an der Oberfläche viel gebetet wurde und wird, wissen wir. Je länger ich darüber nachdenke, umso intensiver wird mir aber auch die ganze Rettungsaktion ein Gleichnis – ein Bild für unsere eigene menschliche Situation. Denn auch wir sind ja wie verschüttet „in der Tiefe“, unter schweren Brocken von Sünde und Gottesferne. Im Neuen Testament findet sich die schonungslose Diagnose: „Kein Mensch kann vor Gott als gerecht bestehen; kein Mensch hat Einsicht und fragt nach Gottes Willen. Ihre Worte bringen Tod und Verderben, von ihren Lippen kommen böse Lügen. Rücksichtslos opfern sie Menschenleben. Wo sie gehen, hinterlassen sie Trümmer und Elend. Was zum Frieden führt, ist ihnen unbekannt. Alle sind schuldig geworden und haben die Herrlichkeit verloren, in der Gott den Menschen ursprünglich geschaffen hatte.“

Eingeschlossene Kumpel haben den meisten Menschen in heutigen Gesellschaften allerdings auch etwas voraus. Sie erkennen ihre Lage sofort. Sie wissen: hier kann ich mich nicht selber ausbuddeln. Ich kann maximal Klopfzeichen geben oder um Hilfe rufen – aber ich bin ganz auf die Rettung von außen angewiesen. In Chile hat man das sogar als Land erkannt, nicht auf irgendeinem Nationalstolz bestanden, sondern die Unterstützung durch internationale Bergbauspezialisten inclusive deutscher Rettungstechnik dankbar angenommen. Eine weise Entscheidung, die dem Wert und der Rettung der eingeschlossenen Menschen oberste Priorität einräumt – man möchte nicht darüber nachdenken, wie vergleichbare Entscheidungen etwa bei den vielen Grubenunglücken in China ablaufen.

Aber die heutige Aktion in San José stellt den verlorenen Menschen in den Mittelpunkt und bietet seit Monaten alle logistischen und technischen Möglichkeiten auf, um die Erlösung aus der Tiefe zu schaffen. Vieles wurde berechnet, gebohrt, bedachtsam ausprobiert und immer wieder abgesichert – bis in der letzten Nacht klar war: so kann es gehen, jetzt ist die Zeit gekommen! Hier geht der Vergleich weiter, denn genauso hat Gott gehandelt. Seine Rettungskapsel hieß nicht „Phönix 1“ sondern Jesus Christus: „Als aber die Zeit gekommen war, sandte Gott seinen Sohn. Der wurde als Mensch geboren und dem Gesetz unterstellt. Er sollte uns befreien, die wir Gefangene des Gesetzes waren, damit Gott uns als seine Kinder annehmen konnte.“

So wie die verschütteten Bergleute sich heute nur noch von außen hochziehen lassen können, konnten wir auch nichts zu unserer Bergung beitragen. Gott hat gehandelt – weil seine Liebe zu uns Menschen trotz unserer vielen Revolutionen gegen ihn immer noch kein Ende hat. Genau das bedeutet Gnade und Erlösung: ein Hilfsloser erkennt seine Hilflosigkeit und lässt sich von außen helfen und aus der Tiefe wieder hochziehen zu seiner eigentlichen Bestimmung, an die Oberfläche des Lebens als Geschöpf und Kind Gottes.

Gerade wird die Rettung des siebten Bergmanns gemeldet und ich hoffe und bete, die ganze Aktion kommt schließlich für alle zu einem guten Ende. Im Blick auf unsere eigenen Tiefen müssen wir nicht mehr bangen wie die Menschen in San José – denn Gottes Rettungsaktion ist seit langem erfolgreich abgeschlossen: „Gott hat die Menschen so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für sie hergab. Jeder, der an ihn glaubt (im Vergleich: der in diese Rettungskapsel einsteigt), wird nicht zugrunde gehen, sondern das ewige Leben haben.“ Wir konnten uns nicht selbst ausbuddeln, denn die Erlösung aus der Tiefe war nur „bei ihm“. Aber Gott hat zugegriffen. So wie Mario Sepulveda Espina, der zweite der geretteten Bergleute, sein Erlebnis in der Tiefe formulierte – mit Worten, die fast nach der geistlichen Erfahrung Martin Luthers klingen: „I think I had extraordinary luck. … I was with God and with the devil — and God took me!“

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3 Gedanken zu “aus der tiefe rufe ich

  1. Es ist fast wie ein Wunder, dass die Bergleute gerettet werden können. 9 der 33 Bergmänner sind schon an der Oberfläche, seit 5 Uhr MEZ läuft die Rettung schon. Beten wir alle, dass alles gut verläuft.

  2. Genial dargestellt. Jesus als Rettungskapsel – genauso ist es. Danke für die Worte.
    Gruß, HK

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