800 x luther

Da bist du erstmal baff. Du biegst um die Ecke und siehst plötzlich einen ganzen Marktplatz mit fein säuberlich ausgerichteten, metergroßen Lutherfiguren vor dir. Achthundert Stück. Mehr oder weniger zufällig bin ich im Urlaub mit der besten E.v.a. letzte Woche auf diese Weise in Wittenberg an das Kunstprojekt „Hier stehe ich, 2010“ geraten. Wie wir in Nachhinein feststellten, war das noch vor der offiziellen Eröffnung und ein Fernsehteam drehte gerade ein Interview mit dem Initiator Prof. Ottmar Hörl. Und drumherum – alles voller Luther:

Ottmar Hörl hat für dieses Projekt die sonst den Wittenberger Marktplatz dominierende Lutherstatue Johann Gottfried Schadows aus dem Jahr 1821 (die gerade restauriert wird) zum Vorbild genommen und sie hundertfach in Plastikfiguren gegossen. Das Projekt, das der ‚Aktionskünstler‘ zunächst einmal selber finanziert, ist nicht ganz unumstritten, denn die „Luther-Zwerge sorgen für Ärger“ (ZDF). Als „theologischen und ästhetischen Schindluder“ bezeichnete es etwa Friedrich Schorlemmer.

Ottmar Hörl möchte mit seinem Projekt Martin Luther sozusagen vom Sockel holen und ihn in Wittenberg „wieder auf den Boden bringen, auf dem er selbst gerne stand“. Im Ausstellungsprospekt heißt es:

„für die arbeit in wittenberg wollte ich keine neue luther-figur erfinden, sondern an etwas bereits vorhandenes respektvoll erinnern. ich bin der ansicht, dass sowohl die figur von schadow als auch die thesen von luther nicht künstlerisch neu interpretiert werden müssen. martin luther war sich über die fehlbarkeit der menschen bewusst. sich als heiligen oder denkmal zu stilisieren wäre für ihn undenkbar gewesen. mit der seriellen vervielfältigung der luther-statue unterstreiche ich seine funktion als übersetzer, die zu seiner zeit überhaupt erst mit der erfindung des buchdrucks wirken konnte. meine installation soll die uneingeschränkte präsenz und bedeutung der person martin luthers wieder begreifbar und erfahrbar machen, ganz in seinem sinne als botschafter für alle menschen.“

Deshalb wird das mobile Lutherdenkmal für Hörl zum Botschafter. So wie Luther auf dem Reichstags zu Worms gesagt habe „ich mache mich nicht zu irgendeinem Heiligen, diskutiere auch nicht über mein Leben, sondern über die Lehre Christi“, so werde er auch in dieser Aktiongreifbar, im tatsächlichen Sinne ‚erfassbar‘. Die Multiplizierung schafft eine Präsenz, die ihm und der Auslegung seiner Lehre gerecht wird. Sie steht als Anregung und soll zu einer ganz persönlichen und undogmatischen Auseinandersetzung führen.“

Nun ist Kunst natürlich immer eine Frage des persönlichen Geschmacks. Allerdings sollte sie aber auch Menschen jenseits kleiner Expertenzirkel unmittelbar ansprechen, ohne große Erklärungen grundsätzlich verständlich sein und zu eigenen Gedanken und Entdeckungen anregen. Vielleicht haben uns beiden die kleinen Lutherfiguren deshalb spontan sehr viel besser gefallen als die „Klangthesen„, die gerade 12 Monate lang in der Schloßkirche dargeboten werden.
Die undefinierbaren Klänge, die dort etwas new-age-like durch den Kirchenraum wabern, ließen uns zunächst umschauen, ob vielleicht eine buddhistische Meditationsgruppe zu Gast sei. Natürlich hat auch diese Aktion ihre tiefen Gedanken und Hintergründe – die man jedoch erst versteht, wenn man die Erklärung liest. Die bunten Lutherstatuen dagegen stehen auf dem Marktplatz des Jahres 2010 einfach da – und nicht nur wir fanden sie letzte Woche spontan sehr anschaulich und anregend. Und lustig! Außerdem stehen auch sie nicht nur da, sondern es wird zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit Luther auch ein Begleitprogramm mit Musik, Diskussion und Lesungen mit „O-Ton-Luther“ angeboten.

Ich weiß nicht ob Hörl recht hat, wenn er sagt: „Luther hätte sehr schnell verstanden, was ich hier mache – und zwar eher als viele andere.“ Auf jeden Fall hätte er aber nicht (wie ein Kritiker meinte) ein Tintenfaß nach dem Künstler geworfen. Schließlich war ihm bewusst, ein sehr menschlicher Botschafter des Evangeliums von Jesus Christus zu sein, das für ihn im Mittelpunkt seines Denkens und Dienstes stand. Vermutlich hat Luther sich selbst oft viel weniger ernst genommen als so manche Lutheraner. Und vermutlich hätte er deshalb eher herzhaft gelacht – und den seltsamen Kunstprofessor erstmal nebenan auf ein fröhliches Kännchen Wittenbergisch Bier eingeladen.

*****

Wer sich noch weiter informieren möchte:
Homepage des Künstlers – mit umfassender Presse- und Medienschau
Erklärung der EKD mit weiterer Fotostrecke
Bericht bei evangelisch.de

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