zwischen duisburg und siloah

Nach der gestrigen Tragödie bei der Duisburger Loveparade beginnen die notwendigen Ermittlungen, aber auch die Schuldzuweisungen verschiedenster Art. Experten melden sich ebenso zu Wort wie solche, die es mal werden wollen. Und solche, die sich dafür halten, es aber nie sein werden. Wenn das Unglück auch zu begrenzt war, um im exakten Sinn der Katastrophenmedizin „Massenpanik“ genannt zu werden, hat es doch viele betroffen – und auch betroffen gemacht. Die Suche nach Schuldigen im Stammtischstil läuft dann auf Twitter und anderswo schnell heiss und Andrea kritisiert das in ihrem Blog zurecht als zutiefst unpassende Überheblichkeit.

Richtig bedrückend wird es aber, wenn Christen wie Eva Herman* sich zu vorschnellen geistlichen Deutungen versteigen und mutmaßen, hier hätten vielleicht „auch ganz andere Mächte mit eingegriffen, um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen“. Was soll das konkret bedeuten – etwa dass Gott die Leute von der Treppe geschubst hat, damit sie totgetrampelt werden? Natürlich ist vieles grundsätzlich zutreffend, was Herman an der „Sex- und Drogenorgie“ der Loveparade kritisiert. Trotzdem finde ich ihre Folgerungen in diesem Fall und zu dieser Zeit nicht nur unsensibel, sondern auch sehr problematisch. Sie erinnern mich eher an eine aufschlussreiche Stelle aus dem Lukasevangelium, an der Jesus Leuten, die Überfälle und Katastrophen auf eine konkrete moralische oder geistliche Schuld der Betroffenen zurückführen wollen, den Wind aus den Segeln nimmt. Statt dessen spiegelt er ihnen ihre eigene Schuld und Verletzbarkeit:

„Erinnert euch an die achtzehn Leute, die starben, als der Turm von Siloah einstürzte. Glaubt ihr wirklich, dass ihre Schuld größer war als die aller anderen Leute in Jerusalem? Nein! Wenn ihr nicht zu Gott umkehrt, wird es euch ebenso ergehen.“

Viel mehr wird es dazu aus neutestamentlicher Sicht nicht zu sagen geben, wenn wir nicht in gefährliche Überheblichkeit abrutschen wollen. Unfälle und Katastrophen geschehen nun einmal in einer unheilen Welt. Für Christen sehe ich da nur die Aufgabe soweit möglich zu helfen, wo wir Betroffene oder Angehörige wirklich persönlich kennen. Und für die Verstorbenen, Verletzten und ihre Angehörigen zu beten – wie auch für die Einsatzkräfte und Seelsorger vor Ort, denen ebenso manche Eindrücke bleiben.

* Der Originalartikel war/ist teilweise online nicht zugänglich: hier als pdf.

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2 Gedanken zu “zwischen duisburg und siloah

  1. Ich frage mich auch oft, wie andere Menschen sich so schnell ein Urteil über Schuld und Ursache solcher Unglücke bilden können, bzw. wie schnell ein Verantwortlicher gefunden wurde. Kaum jemand weiß etwas über die wirklichen Vorgänge und Hintergründe, über Ursachen etc. Es ist eigentlich tragisch, dass die menschliche Natur so zu sein scheint, dass sie immerzu vorverurteilen will.
    Dass manche dann noch sagen, die Betroffenen hätten sich ihr Unglück selbst zuzuschreiben und Gottes „Strafe“ verdient, ist ja leider auch nichts Neues. Vielleicht müssen sie das sagen, um sich selbst besser zu fühlen, oder weil sie die Liebe Gottes nicht begreifen, oder was Vergebung ist, oder vielleicht, weil sonst ihr Weltbild in sich zusammenfällt. Oft ist es einfach auch nur ein schwacher Erklärungsversuch für das Leid, das Menschen widerfährt, und für das wir sonst keinen Grund finden. Aber wenn man das schon denkt, sollte man es für sich behalten, weil es denjenigen, die ohnehin schon leiden, eine noch größere Last aufbürdet.

  2. Ja, das schnelle und manchmal sehr voreilige Be- und Verurteilen steckt einfach tief in uns. Ich hatte mir auch lange überlegt, ob ich überhaupt etwas dazu schreiben sollte, doch manches kann man einfach nicht so stehen lassen.

    Trotzdem ist es immer schwierig und meistens auch einseitig, weil wir zu wenig wahrnehmen, bevor wir verurteilen. Nicht umsonst mahnt wohl Jakobus als guter Kenner des Menschlichen: „Denkt daran, liebe Brüder und Schwestern: seid immer bereit, jemandem zuzuhören; aber überlegt genau, bevor ihr selbst redet. Und hütet euch vor unbeherrschtem Zorn.“ (Jak.1,19)

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