glaube muss konkret sein

Diese Forderung kommt diesmal nicht von einem Theologenschreibtisch, sondern stammt aus einem spannenden Interview mit Christoph Schlingensief im Kulturmagazin Cicero. Im Rückblick auf seine Krebserkrankung seit 2008 erzählt er sehr ehrlich: „durch die Krankheit bin ich zwar angeschlagen, aber ein paar Gedanken hätte ich in dieser Intensität ohne sie nicht erlebt.“ Eher am Rande kommt auch sein Verhältnis zum christlichen Glauben zur Sprache, dessen ursprüngliche Substanz er inzwischen in der Kirche wie in einem „Märchenpark“ verschüttet und verborgen sieht – die er aber für wertvoll genug hält, um neu entdeckt zu werden. Und da ist es interessant, wie Schlingensief, der sich unter anderem einfühlsam und behutsam für kulturelle Projekte in Afrika engagiert, Kirche wahrnimmt und einen konkreten Glauben wünscht:

„In den Gemeinden gibt es unzählige wunderbare Mitglieder und Hilfsprojekte, die gut sind, keine Frage. Im Großen und Ganzen habe ich aber das Gefühl, dass die Kirche mir keine Freude vermittelt. Sie vermittelt mir nicht das Gefühl, dass es wichtig und eine Freude sein kann, sich einer Minderheit anzuschließen, Andersdenkende und Andersliebende kennenzulernen. Mir scheint, als habe sich die katholische und auch die protestantische Kirche auf eine Art Abgesang eingelassen. Alles kommt mit einem Wimmerton daher. Die Kirchen haben die Verantwortung von der Freiheit in eine bittere Depression überführt. Sie sind in ihren Ritualen hängen geblieben, es sind Absitzrituale.“

Für Schlingensief wurde mit der Zeit immer deutlicher, „was unsere heutigen Kirchen in ihrem Märchenpark alles versteckt haben, und wie viel Freiheit und Freude sie den Gläubigen genommen haben. Glauben muss konkret sein, er benötigt Verantwortung und auch die Möglichkeit zu streiten – von all dem keine Spur.“ Ich finde solche Wahrnehmungen von außen immer ziemlich spannend. Und wichtig, sie achtsam wahrzunehmen und aufzunehmen, wenn wir als Christen und Kirche für unsere Kultur und Gesellschaft so relevant sein wollen, wie sich unser Herr das eigentlich einmal gedacht hat.

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Ein Gedanke zu “glaube muss konkret sein

  1. Danke für den Impuls. Besonders bin ich an dem Wort „Absitzrituale“ hängen geblieben – das ist ein sehr treffendes Wort und drückt die Lethargie aus, in die man so leicht verfallen kann.

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