nicht durch heer oder kraft

Im Nachhinein empfinde ich es als schönes historisches Privileg, vor 20 Jahren nicht nur den Fall der Mauer, sondern vor allem die Öffnung der gesamten DDR-Grenze aus ziemlicher Nähe miterlebt zu haben. Ganz in unserer Nähe fuhren die Züge mit den Prager Botschaftsflüchtlingen erstmals auf Bundesgebiet und der für verzweifelte Menschen oft tödliche ‚Schutzwall‘ gegen den bösen Westen war auf zwei Seiten unserer damaligen Gemeinde nur einige Kilometer entfernt. Es war bewegend, damals viele Menschen zu treffen, die immer noch gar nicht glauben konnten, dass ihnen der Weg in die Freiheit nun offen stand – so ungefähr stelle ich mir das Staunen der Israeliten am anderen Ufer des Schilfmeeres vor.

Unter den vielen Artikeln, Sendungen und Erinnerungen dieser Tage ist mir heute ein Beitrag von Christian Führer aufgefallen. Er war damals Pfarrer an der Leipziger Nikolaikirche – einem der Orte, von denen die Friedensgebete und damit ein friedlicher, aber sehr nachhaltiger Protest gegen die SED-Diktatur ausgingen. Ich finde es schön, dass er im Rückblick sehr deutlich göttliche Bewahrung und geistliche Mächte am Werk sieht:

„Wir waren nicht allein. Mit Blick auf die schrecklichen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts dürfen und müssen wir sagen, dass Gott seine segnende und schützende Hand über uns gehalten hat. Die Friedliche Revolution war Gnade Gottes an der Nikolaikirche und den anderen Kirchen im Land, an der Stadt Leipzig und den anderen Städten und Dörfern. Wir sollten nie vergessen, dass es eine große segnende Gotteskraft gibt, die Veränderungen ohne Blutvergießen schaffen kann – auch eine Revolution, bei der keine Schaufensterscheibe kaputtgegangen ist, niemand sein Gesicht verloren hat und niemand sein Leben lassen musste.“

Außerdem sei ihm damals wichtig geworden, was auch heute noch unser Auftrag als Christen und Kirchen ist: im Sinne Jesu gehören die Straße und die Kirche zusammen. „Das ist eine Wechselbeziehung“ sagt Führer, denn …

„… die Kirche muss heraus auf die Straße, muss sich einmischen, muss das Salz der Erde sein, von dem Jesus spricht. Und die Menschen wiederum müssen einen Ort in der Kirche finden können. Jesus hat sich nie im Tempel versteckt. Er war dort anzutreffen, wo sich die Menschen mit ­ihrem Leben abquälten. Er war mitten unter ihnen. In ebensolcher Weise müssen wir zu den Menschen gehen und ihnen gleichzeitig in unseren Kirchen Orte zur Verfügung stellen, an denen sie Geborgenheit erfahren und Angst überwinden können. Das ist unsere Aufgabe.“

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