die geistige rezession

„Noch maskieren wir die intellektuelle Implosion im Gewand der Coolness. Dabei ahnt man schon, dass die Coolness selbst Teil des Problems ist. Sie ist eine Maskierung der Haltungslosigkeit, eine kalte Erfindung modischer Distanzkultur. In ihr verbirgt sich die Stimmung, dass alles gleich-gültig, gleich emotionslos, auf jeden Fall gleich, also – in wörtlicher Übersetzung – egal ist.

Diese postmoderne Egalité bereitet einem geistigen Ödland den Weg, in dem sich alle auf einem Quadratmillimeter Wohlfühlmitte treffen. Uns ist damit die Wirklichkeit als Ort geistiger Auseinandersetzung verloren gegangen. Kurzum: Wir stecken mittendrin in einer geistigen Rezession.“

Mit solchen und anderen knackigen Sätzen aus überaus spitzer Feder beschreibt Wolfgang Weimer im ‚Cicero‚ das gegenwärtige Deutschland und den gesamten Westen. Und ich denke, was eine gewisse ‚geistige Rezession‘ angeht, sieht er in unserer Kultur und Gesellschaft vieles klar und richtig. Aber nicht nur in Kultur, Politik und Gesellschaft ist vieles ‚gleich gültig‘ und damit ‚gleichgültig‘ geworden – auch als Christen und Kirchen bekleckern wir uns oft nicht gerade mit dem Ruhm klarer Aussagen oder Standpunkte.

Das „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein“ Jesu ist schon zu lange auf weiten Strecken zum „sowohl – als auch“ und zum „man muss aber auch bedenken, dass“ endloser kirchlicher Stellungnahmen und voluminöser Arbeitspapiere mutiert. Es ist eigentlich nicht erstaunlich, dass sich bis auf ein paar ethische Aussagen des Papstes niemand mehr am Evangelium ärgert und reibt. Es scheint nicht mehr revolutionär wie in den ersten Jahrhunderten zu sein, sondern schlicht gleichgültig. Paulus hatte sich das noch peppiger vorgestellt: „Verhaltet euch klug und besonnen denen gegenüber, die keine Christen sind. Nutzt die wenige Zeit, die euch noch bleibt! Redet mit jedem Menschen freundlich; alles, was ihr sagt, soll gut und wie mit Salz gewürzt sein.“ (Kol.4,5f)

Ich denke, für unsere Kultur hat Weimer recht: „Der Aufschwang 2010 beginnt im Kopf. Wir müssen wir uns wieder anstrengen, wieder neugierig sein, wieder fragen und hinterfragen, lernen und wollen. Etwas ernst nehmen, Respekt pflegen, streiten.“ Ich frage mich allerdings, ob uns in diesem künftigen Prozess noch jemand fragen wird. Oder Lust hat, mit uns zu streiten. Und wenn, ob wir dann die relevanten Antworten haben. Ich habe sie bestimmt auch nicht oft. Aber eins scheint mir klar: wir sollten uns einmischen in dieser geistigen Rezession und in unserer Kultur. Und das nicht nur „geschmeidig“, „mehrheitsfähig“ und „integrierend“ – sondern auch als ‚Salz‘.

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