gefährdungen

Ein befreundeter Missionar in Südeuropa schrieb uns diese Woche:

„Die Pfingstgemeinde in XXX mußte schließen… weil der Pastor durch Machtgier alles zerschlagen hat. Aus der Gemeinde, seinerzeit 250 Mitglieder, ist ein bekannter Chor hervorgegangen, der naturgemäß viele Auftritte hatte. Weil ihm das nicht gefiel, stellte der Pastor den Chor vor die Entscheidung, entweder nur für die eigene Gemeinde zu singen, oder zu gehen. Sie gingen, so daß die Gemeinde praktisch ein Drittel an Mitgliedern verlor. Nachdem die Situation sich weiter zugespitzt hatte, traten weitere Mitglieder aus. Nun wurde die Gemeinde offiziell aufgelöst. Das Problem begegnet uns immer wieder: viele können mit Positionen nicht umgehen, werden machtgierig und autoritär. Ähnliches spielt sich leider gerade auch in einer großen Brüdergemeinde ab, die über viele Jahrzehnte unter grossem Segen gewachsen ist und jetzt viele Mitglieder verliert.“

Das hat mich spontan an manche eigenen Erfahrungen erinnert. Zum ersten Mal ist mir die Machtgier eines ‚Leiters‘ bewusst in einem Hauskreis begegnet, zu dem ich im Jugendalter zeitweise gehörte. Er hatte als schwungvolle, be-geisterte Sache angefangen und im Laufe der Zeit kamen viele jüngere und ältere Leute dazu. Dann entwickelte sich einer der ‚Leiter‘ immer autoritärer und guruhafter, importierte einige Heiligungs- und Heilungs-Sonderlehren, die zum status confessionis erhoben wurden, und schlug Bedenken erfahrener Christen regelmäßig nieder. Bis die Gruppe schließlich zerbrach, einige vom Christsein gar nichts mehr wissen wollten und andere unter seiner Leitung eine kleine ‚Gemeinde‘ gründeten, die stark sektenhafte Züge trug. Aus der heutigen Erfahrung ist mir deutlich, dass dahinter eine Sucht nach der Macht über die Seelen anderer stand.

Eine andere Variante haben wir vor einigen Jahren mit guten Freunden erlebt, die aus ihrem Dienst in einer christlichen Studentenarbeit gemobbt wurden. Auch da wurde mir nicht unmittelbar während der langen, belastenden Auseinandersetzung, aus der späteren Distanz aber umso deutlicher bewusst, dass hinter vielen kleinkarierten inhaltlichen, organisatorischen und sogar arbeitsrechtlichen Querelen letztlich die Angst vor einer zu starken und zu qualifizierten Persönlichkeit stand, die eine zu starke Konkurrenz für die Profilierung anderer wurde.

Natürlich sind Machtstreben, Profilierungssucht und Schielen auf das eigene Ranking nicht neu. Bevor Jesus seinen Leuten damals ein Kind als Beispiel hinstellte, wird erzählt „es kam unter ihnen der Gedanke auf, wer von ihnen der Größte sei“ (Luk. 9,46). Sogar die eigene Versuchung Jesu (Matth.4,1-11) zielt bekanntlich auf verschiedene Facetten der Profilierung und auf Machtbeweise.

Wenn das alles auch nicht neu ist, bleibt es doch eine große Gefährdung. Nicht nur, weil es auf jeden Fall den eigenen Dienst und die Leitungskompetenz lähmt, sondern auch, weil daran immer Beziehungen, Gemeinde, Gemeinschaften und Bewegungen zerbrechen. Alte und neue, klassische, moderne und postmoderne. Und weil dabei immer auch die Botschaft in Mitleidenschaft gezogen wird, denn viele zeigen dann (diesmal mit Recht!) auf „die Frommen“, die eben „auch nicht anders“ sind.

Klar, sind wir nicht. Deshalb wird uns vor Machtstreben und Profilierungssucht auch nichts bewahren können, weder vor der klassischen, noch vor der 2.0- und Netzwerk-Variante. Dafür steckt das wohl zu tief in uns. Aber vielleicht kann uns wenigstens etwas bremsen und am Absturz hindern, wenn wir in diese Verstrickung geraten? Eine gesunde Selbst- und Fremdwahrnehmung finde ich schonmal sehr wertvoll. Oder jede Menge Gelassenheit und Einübung in humorvolle Selbstkritik. Oder einfach ein guter Freund, von dem wir uns rechtzeitig einen kräftigen geistlichen Tritt in den Hintern verpassen lassen …

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