Amateure. Ahnungslose Diskutanten. Sie verbreiten Fehlinformationen, üben sich in sinnloser Selbstdarstellung und produzieren “Loser Generated Content”. Das meint wenigstens grundsätzlich Bernd Graff in einer höchst emotionalen Abrechnung mit dem “web 0.0“:
“Seit fast einem halben Jahrzehnt gibt es das “partizipative Web”. Diese Formen werden von engagierten Zeitgenossen genutzt, weil sie – sei es aus Idealismus, sei es, weil sie sonst keine Beschäftigung haben – eine Rolle in der allgemeinen Informationsbildung übernehmen wollen. … Sie zerfleddern – wie es gerne auch wir Zeitungsmenschen tun – jedes Thema. Sie tun dies aber oft anonym und noch öfter von keiner Sachkenntnis getrübt. Sie zetteln Debattenquickies an, pöbeln nach Gutsherrenart und rauschen dann zeternd weiter. Sie erschaffen wenig und machen vieles runter. Diese Diskutanten des Netzes sind der Diskurstod, getrieben von der Lust an Entrüstung.
‘Die Menschen’ (so zitiert Graff Norbert Bolz) ‘werden immer mehr zu – wie man im Mittelalter sagte – idiotae: also zu eigensinnig Wissenden. Die neuen Idiotae lassen sich ihr Wissen, ihre Interessen und Leidenschaften nicht mehr ausreden.’ Mag sein. Verlangt ja auch keiner. Aber sollen wir uns deshalb von jeder Idiotie in die Zukunft führen lassen?”
Natürlich weiß jeder, dass im web 2.0 wirklich nicht alles Gold ist, was glänzt und sich auch viel Abstruses und schwer Erträgliches findet – aber so einen undifferenzierten Rundumschlag hat es nicht verdient. Mir scheint eher, da ereifert sich jemand, der zunehmend Bange vor wachsender Konkurrenz bekommt. Oder seine eigene Informations- und Deutungshoheit gefährdet sieht. Oder ganz einfach Angst um seine Pfründe hat. Florian Rötzer kommentierte das bei Telepolis ganz gut und ein Leserkommentar in der SZ brachte es nett auf den Punkt:
“Dieser artikel ist für ein traditionsmedium wie die süddeutsche eine bodenlose peinlichkeit. der autor schreibt wie jemand, der wütend auf den bus ist, weil er ihn verpasst hat.”
Weil ich damit auch zum Idiotenweb gehöre, noch eine persönliche Anmerkung: auch wenn es viel Quark im Web und in der Blogosphäre gibt: ich habe sie inzwischen sehr schätzen gelernt. Beim Mitlesen von vielen guten Blogs ergeben sich für mich oft Einsichten, auf die ich vielleicht selber nie gekommen wäre. Blogs erweitern den geistigen und geistlichen Horizont, fördern einen wirklich fruchtbaren Austausch zu verschiedensten Themen und führen oft auch zu netten und bereichernden Bekanntschaften, die anders nie zustande gekommen wären. Selbst das eigene Schreiben, wie es hier in der Brockenstube im bescheidenen Rahmen stattfindet, fördert für mich die inhaltliche Auseinandersetzung mit manchen Themen, zwingt zur Reflexion und präzisiert manche Einsichten. In diesem Sinn lasst uns weiter fröhliche Idioten sein – und munter davon profitieren
