“Der Gleichgültige erwartet nichts und entwirft auch keine Pläne. Ihm ist die Zukunft längst abhandengekommen. Es ist, als habe er alle Erwartung aufgegeben und warte nur noch – auf nichts. Ziele und Zwecke spornen ihn nicht an. Die Aufforderung, sein Leben selbst zu gestalten, erregt bei ihm nur Erstaunen und Widerwillen. Lieber hält er sich an seine Gewohnheiten. Das Gegenteil der Gleichgültigkeit ist der wache Sinn, die Reizbarkeit der Nerven, die Courage des Urteilens.
Wem die Welt einerlei ist, dem sind auch die Aussagen über die Welt gleichgültig. Fakt oder Fiktion, Lüge oder Betrug sind für den Gleichgültigen Begriffe ohne Bedeutung, nicht weil er sie nicht verstünde, sondern weil es für ihn gar nichts gibt, was diese Wörter beschreiben könnten. Für ihn existieren keine Wahrheitswerte, keine falschen oder richtigen Behauptungen. Es kümmert ihn nicht, ob eine Aussage zutreffend, ein Argument schlüssig, ein Beweis zwingend ist. Der Streit um die Tatsachen prallt an ihm ab. So wird er empfänglich für Propaganda, Illusionstheater, für die geschmeidige Anpassung an wechselnde Meinungen. Wissen bedeutet ihm nichts, er begnügt sich mit dem Glauben und Meinen. Manchmal gibt er diese Haltung als Toleranz aus. Doch dies ist nur eine billige Fassade für die denkfaule Bequemlichkeit des Relativismus. Die Welt der Tatsachen hat sich für ihn längst aufgelöst in eine Ansammlung von Meinungen, die man beliebig teilen oder verwerfen kann.”
Einige Sätze aus dem Beitrag des Göttinger Soziologen Wolfgang Sofsky über den “Nullpunkt des Sozialen“. Ich finde, er bringt damit nicht nur scharfsichtig fundamentale Trends der Gesellschaft auf den Punkt, die sich heute am Umgang mit politischen, gesellschaftlichen oder religiösen Auseinandersetzungen zeigen. Könnte man mit ein paar Umformulierungen mit vielen dieser Sätze nicht auch die Indifferenz mancher Kirchen, Gemeinden und Christen beschreiben, denen eine Diskussion von Inhalten und Wahrheiten reichlich überflüssig erscheint, so lange niemand herausgefordert wird, alles bleiben kann, wie es ist und das persönliche fromme Gefühl ausreichend rieselt?
